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Gelesen: Die Bibliothek der Wahren Lügen

„Um zu verstehen, worauf ihr euch einlasst, müsst ihr sie natürlich erst lesen. Novembers Geschichte. Die Geschichte über den Sommer, in dem ich versuchte, die Wahre Lüge zu finden.“

Werbung: Rezensionsexemplar

Die Bibliothek der Wahren Lügen

von Jesús Cañadas, 2025, 304 Seiten

Oskar liebt Bücher. Vor allem die Geschichten von Ozzy Calavera haben es ihm angetan. Kein Wunder also, dass er das neuste Buch der Reihe, welches er zum Geburtstag bekommt, bereits in der ersten Nacht verschlingt. Dabei entdeckt er zufällig eine geheime Seite, in der sein Lieblingsautor Simon Bruma zu einem Schreibwettbewerb aufruft. Als er diesen auch noch gewinnt, kann er sein Glück kaum fassen. Als Preis steht ihm ein Sommer im Wohnsitz des Autors bevor, wo er die Kunst des Schreibens erlernen soll. Dort angekommen merkt er jedoch schnell, dass etwas Myteriöses in dem Haus passiert. So verfolgen ihn nachts unheimliche Kreaturen. Doch Brumas Tochter ist krank und Oskar soll unbedingt bleiben, um sie zu retten – mithilfe einer Geschichte.

„Die Bibliothek der Wahren Lügen“ erzählt die Geschichte eines Jungen, den das Leben wahrlich hart getroffen hat. So wird er nicht nur in der Schule an seinem Geburstag schikaniert und muss ohne Freunde seine Sommerferien verbringen – er verlor auch seinen Vater in jungen Jahren. Zu seinem Stiefvater hat er kein guter Verhältnis und auch zu seiner Mutter fühlt er eine eisige Distanz. Nur seine kleine Schwester scheint ihm Nahe zu sein. Aus diesem Grund verliert er sich in den Geschichten von Ozzy Calavera, die schon sein verstorbener Vater liebte.

All das gibt jedoch auch die Grundstimmung des Buches vor. Auch wenn es immer wieder ein paar humorvolle Momente gibt, ist es eher ein düsteres Buch. Unheimliche Wesen und eine dunkle Kraft beherrschen nicht nur Simon Brumas Haus, sondern auch Oskars Geschichte, in der er nach einer Heilung für November sucht. Dabei ist auch das Thema Tod sehr präsent. Zum Ende hier wechselt das Genre auch einmal deutlich von Fantasy zu Horror. Dabei ist die Sprache sehr explizit, sodass es mich gewundert hat, dass die Altersempfehlung 11 Jahre sein soll. Ein Beispiel:

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In Kapitel 10 wird ein anderer Junge in einem Kerker gefoltert und würgt zum Schluss sein eignes Herz hervor. Das Herz fällt zu Boden, reißt schreiend auf und es wachsem ihm Spinnenbeine.

Da es auch junge Menschen gibt, die mit Erzählungen von Gewalt und Horrorelementen gut zurecht kommen, sollte man hier individuell entscheiden, ob es zu viel ist. Da es mich unverhofft traf, war ich zumindest schwer irritiert.

Abgesehen davon hat das Buch leider ein grundsätzliches Problem: Es will zu viel. Verschiedene Handlungsstränge werden aufgemacht, aber nie abgeschlossen. Dadurch entstehen Logiklücken und unverständliche Verhaltensweisen der Charaktere. So wird am Anfang Oskar von seinen Mitschüler*innen gemobbt, jedoch hat das kaum weiteren Einfluss auf die restliche Geschichte. Auch charakterlich scheint ihn diese Erfahrung nur punktuell zu beeinflussen. Später will er von zu Hause abhauen, da ihn sein Stiefvater nicht zum Schreibkurs fahren möchte. Die Handlung wird jedoch schon nach ein paar wenigen Seiten abgebrochen, Oskar landet wieder in seinem Bett und plötzlich steht Simon Bruma um 4 Uhr morgens vor der Haustür, um ihn abzuholen. Auch das wird nie erklärt und wirkt auch für den Erzählfluss eher abgehackt und inkonsequent. Zum Ende hin wird dieses Phänomen auf seine Spitze getrieben. Oskar und November rasen nur so durch die Geschichte, Charaktere verhalten sich ohne erkennbaren Grund anders und am Ende bleibt man etwas verwirrt zurück.

Ich muss aber anerkennen, dass es sich um ein sehr ungewöhnliches Buch mit einzigartiger Geschichte und ein paar interessanten Nebencharakteren handelt, das mich auch nachträglich noch länger beschäftigte. Optisch ist es zudem eine Wucht – sowohl durch den wunderschön gestalteten Einband mit kräftigen Farben und haptischen Akzenten als auch durch den passenden Farbschnitt. Das kann jedoch im Buchhandel den Eindruck erwecken, dass es sich um ein normales Fantasy-Buch für Kinder handelt. Auch der Klappentext macht das nicht genug deutlich, in welche Richtung die Geschichte geht. Das könnte dann doch zu einer ungewollten Überraschung führen.

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